Meinungen und Medien
Ab und zu gibt es soziale, politische, wirtschaftliche und mediale Ereignisse, die ich nicht unkommentiert lassen will, weil ich glaube, dass es auch in einigen Monaten und Jahren noch wichtig sein könnte, sich an sie zu erinnern. Ich versuche daher, mich hier auf das Wichtigste zu beschränken.
Henryk Broder, der deutsche Likud-Lobbyist
Anlässlich des Schweizer Referendums zur Erweiterung der Verfassung um ein Minarettverbot und eines Kommentars von Henryk Broder in WELT vom 30. November 2009
Da beschreitet das Urbild der Demokratie den Weg zum rassistischen Staat und eine Schockwelle fegt über das politische Europa. Der Pöbel jubelt, weil er nicht weiß, was da wirklich vor sich geht, und die Reste des bürgerlichen Bewusstseins fallen in Ohnmacht. Fassungslos sehen wir zu, wie die Schweiz im Zuge der progressiven Offenbarung ihrer Lebenslügen aus Angst auch ihre letzte, schönste und beste Tradition beschädigt, die der direkten Demokratie. So sehr, dass die deutschen Initiativen für bundesweite Volksentscheide wohl auf absehbare Zeit aus der politischen Agenda rausgekegelt sein dürften [Januar 2010: das hat sich inzwischen bestätigt].
Doch zum Glück haben wir Henryk Broder, das Licht der Vernunft, das unserem langsamen politischen Verstand optimistisch vorauseilt und für uns das Gute in dieser Entwicklung entdeckt. Broder ist unser zuverlässiger Welterklärer, Börne-Preisträger und Ausschnüffler der letzten antisemitischen Nester – was er allerdings vornehmlich bei Linken, Grünen, der taz, studentischen Hochschulgruppen oder Kunstmagazinen wie Dummy macht, denen er pseudo-psychoanalytisch ihr antisemitisches Unbewusstes vor den Latz knallt. Er hat sich nicht einmal entblödet, andere Juden des Antisemitismus im verräterischen Kleid des Antizionismus zu überführen. Bis die Gerichte eingeschritten sind. Dass er dem Zentralrat der Juden vorwirft, genauso wie er zu verfahren und darüber hinaus unnötigerweise auch noch echte Antisemiten und Nicht-Linke zu erwischen, das kann nur eins bedeuten: Broder sieht sein Monopol für die Verfolgung unbewusster linker Judenhasser in Gefahr.
Für den richtigen Antisemit interessiert er sich dagegen gar nicht. Der würde ihn nur kalt anlächeln und sagen, tja, Henryk, du hast schon Recht, aber jetzt erzähl mir mal lieber etwas, was ich noch nicht weiß. Ansonsten mach einfach dass du in dein Land verschwindest. Denn das ist ja offensichtlich nicht hier. Was sollte Broder da noch sagen? Nichts. Er lebt schließlich bereits dort, wo er nach Ansicht des Antisemiten hingehört, nämlich in Israel, von wo aus er uns weiter über linken Antisemitismus in Deutschland belehrt. Etwas Nützlicheres bringt er leider nicht zustande. Denn selbst wenn er wollte: Sein rhetorisches Arsenal ist für den politischen Kampf gegen die beinharten Antisemiten und Neonazis nicht ausgelegt. Schlimmer noch, sie applaudieren ihm auch noch so laut wie möglich – wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, ihm Morddrohungen zu schicken. Letzteres ist allerdings keine besondere Form der Anerkennung für seine Leistungen als gefährlicher Antisemiten-Jäger, denn das schafft in Deutschland immer noch jeder Jude, der die politische Öffentlichkeit sucht.
Broder ist also in einem seiner Nebenberufe ein Salon-Antisemitenjäger mit Seidenschal, einer, der sich nicht gerne schmutzig macht. In seinem anderen Nebenberuf ist er ein Islamisierungs-Warner ohne jede Ahnung vom Islam, vom Islamismus, vom internationalen Terrorismus und von der arabischen Kultur – das hat er alles selbst eingeräumt. Auch hier macht er sich nicht schmutzig mit unnötigen Kenntnissen, die nur Ballast in den Flügeln seiner sowieso schon tieffliegenden Philipiken wären. Das aus einer Volksabstimmung hervorgegangene Verbot der Minarette in der Schweiz, das gegen die wichtigsten europäischen Errungenschaften in der Religionspolitik spätestens seit Friedrich dem Großen verstößt, begrüßt er und rät den Europäern, sich in dieser Frage der Religionsfreiheit doch endlich auf das Niveau vom Iran oder von Saudi-Arabien zu begeben oder wenigstens Reziprozität einzufordern. Ganz nebenbei applaudiert er der Schweiz zu ihrer fortgeschrittenen Selbstverzwergung, die etwa soviel Grund zur Angst vor dem Islam hat wie Ostdeutschland vor den Juden.
Er hat keine Ahnung, was er damit anrichtet und verrät dabei gleich auch noch die politische und geistige Gründungsakte seiner eigenen Wahlheimat Israel, die Unabhängigkeitserklärung von 1948 aus der Feder von David Ben Gurion. Dort steht unmissverständlich: „DER STAAT ISRAEL wird für die jüdische Einwanderung und die Sammlung der Zerstreuten offen sein; er wird die Entwicklung des Landes zum Wohle aller seiner Bewohner fördern. Er wird auf den Fundamenten der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens im Sinne der Propheten Israels gegründet sein. Er wird allen seinen Bürgern, unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht, volle soziale und politische Gleichberechtigung gewähren. Er wird Freiheit in Religion, Gewissen, Sprache, Erziehung und Kultur gewährleisten. Er wird die Heiligen Stätten aller Religionen schützen und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen treu bleiben.“
Henryk Broder, der im deutschen Medienzirkus herumgereicht wird wie ein Medikament, das den wachsenden Mangel an gediegener politischer Polemik wenigstens auf einem Mario-Barth-Niveau stabilisieren soll, war vielleicht irgendwann einmal ein Linker, zumindest ein Liberaler, ein liberaler Jude oder ein liberaler Deutscher oder ein liberaler deutscher Jude oder ein liberaler Deutscher jüdischer Abstammung oder was auch immer. Jetzt hat er mit alledem jedenfalls nichts mehr zu tun. Heute ist er im Hauptberuf nur noch ein deutscher Lobbyist des reaktionären Likud-Blocks, der gerade Israel zerstört, so wie die Republikaner und ihre evangelischen Taliban den Abstieg der USA besiegelt haben. Dafür begibt er sich ohne zu zögern auf die Seite des Pöbels und kann sich nur freuen, dass die Schweiz endlich denselben Weg eingeschlagen hat. Ob er einen so saudummen Kommentar auch abgelassen hätte, wenn der Schweizer Souverän auf die Idee gekommen wäre, die Kippa, die Menora oder einfach gleich den Bau von Synagogen zu verbieten? Denn dahin ist es nur noch ein kleiner Schritt. Die Burka der Moslems hat man schon ins Visier genommen
[Inzwischen schreiben wir Februar 2010, die Schweiz versinkt im Sumpf ihrer bigotten Lebenslüge, wird als Fluchtland für Nazi-Gold, Drogengelder, Diktatorenvermögen und hinterzogene Steuern international an den Pranger gestellt und die SVP Schweizer Volkspartei pöbelt jetzt auch gegen Deutsche. Ein interessantes Detail dabei: Die neuen Plakate "Gegen den deutschen Filz" stammen von derselben Werbeagentur Goal, die schon die berüchtigten Anti-Minarett-Plakate gestaltet hatte und deren Geschäftsführer und Mitgesellschafter Alexander Segert ist, ein aus Hamburg stammender Deutscher und bekennendes Mitglied der rechtspopulistischen SVP. Die Schweizer brauchen also selbst für ihre Anti-Islam- und Anti-Deutschen-Kampagnen noch einen Armleuchter aus der deutschen Rechten, der blöd und/oder korrupt genug ist, sich selbst zu verleugnen. Das ist der Schlag von Leuten, mit denen sich unsere politische Blindschleiche Henryk Broder gemein macht]