Rezensionen

Das Verfassen von Rezensionen ist leider eine heruntergekommene Kunst. Das merkt man besonders deutlich, wenn man die profunden und gewissenhaften Buchbesprechungen von vor 30, 40 oder mehr Jahren liest. Den besten Beweis dafür tritt aber Joachim Bohnert an, unser Autor beim Perlen Verlag, mit seinem Rezensionsroman "Koks", der im Februar 2010 erscheint. Es ist eine Collage der unerträglichsten und albernsten Rezensionsbruchstücke aus den Feuilletons verschiedener deutscher Zeitungen. Im Fall von Helene Hegemanns Debütroman Axolotl Roadkill könnte man sagen, dass nicht nur die Autorin, sondern auch die allermeisten Rezensenten plagiiert haben, und zwar ihre eigene Karrikatur, die Bohnert in Koks für sie bereithält. Die Art und Weise, wie die etablierte Literaturkritik auf Hegemanns nachgestellte Existenzialität abgefahren ist, lässt sich korrekt nur mit der dreifachen Wiederholung des Prädikats "Peinlich!" zusammenfassen. Axolotl ist das Buch gewordene deutsche Regietheater, eine mit Pornografie, Blut, Sperma, Kotze und Scheiße volksbühnenmäßig geschminkte Ideenlosigkeit, die ganz frech behauptet, es gebe eben keine Ideen mehr. Am Ende kann man sich doch auf eins verlassen, nämlich die Leserkritiken auf Amazon. Die sind unbestechlich.

Ich bin immer wieder schockiert, wie schlecht geschrieben und gedankenlos die Besprechungen vieler Bücher heute daherkommen. Die Redaktionen scheinen keinerlei Ehrgeiz zu haben, diesen Bereich des Feuilletons zu pflegen und zu gestalten. Rezensionsaufträge werden nach politischen oder anzeigenwirtschaftlichen Gesichtspunkten erteilt, wenn nicht sogar bereits vorliegende Rezensionsangebote schnell reingenommen werden, um den Platz zu füllen. Eine gute Rezension ist inzwischen eine Rarität. Das geht so weit, dass wir auf unserer Verlagswebsite einen Bereich für "Anti-Rezensionen" eingeplant haben, denn manchmal möchte man sich einfach wehren können gegen den Unsinn, der so verbreitet wird. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Buchbesprechungen in den Medien immer weniger Einfluss auf Erfolg und Misserfolg eines Buches haben. Dafür haben wir ein System bekommen, in dem eine Elke Heidenreich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in all ihrer niedlichen Halbbildung Richard David Prechts unausgebackenes Gedankenweißbrot Wer bin ich und wenn ja wie viele? landesweit als philosophische Großtat und nichts weniger als den "richtigen Schritt zum Glück" feiern darf. Wenigstens hat sie mit ihrem Rausschmiss beim Sender die angemessene Strafe dafür erhalten, dass wir den Ausdünstungen dieses neuen Philosophentyps, der im Kontrast zu seiner medialen Omnipräsenz in der Regel gar keine eigenen Ideen entwickelt, nicht mehr entkommen können. Jörg Sundermeier hat für die linke Zeitung Jungle World am 28. Januar 2010 dazu ein schönes, kleines Essay geschrieben unter dem Titel "Warum es dicke Bücher heute schwer haben. Einige Anmerkungen zum Zustand der hiesigen Literaturkritik". Dann hat der Feuilleton-Held meiner Jugend, Fritz J. Raddatz, am 30. April 2010 in der WELT nachgelegt und gezeigt, wie der der Sinkflug der journalistischen Kultur aus seiner Sicht aussieht. Kurz darauf schrieb aus dem Lager der Betroffenen die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff am 21. Mai 2010 auch in der WELT Warum sind die Kritiken bloß so schlaff?

Hier sind ein paar Rezensionstexte von mir, die ich in den letzten fünfzehn Jahren geschrieben und teilweise veröffentlicht habe. Häufig war ich für eine Veröffentlichung allerdings viel zu spät dran und schrieb diese Texte dann mehr für mich.

Rehabilitiert: Mr. Neville und M. Boileau ist eine Rezension von Die Doppelte Ästhetik der Moderne. Revisionen des Schönen von Carsten Zelle (Süddeutsche Zeitung 1997). Mit der Ästhetik des 18. Jahrhunderts hatte ich mich im Rahmen meiner Dissertation Politische Subjektivität ausführlich beschäftigt und dieses Buch war dazu mit Abstand das beste seit Jahrzehnten. 

Einheit wovon, Einheit wofür?, die Besprechung von Bernd Ostendorfs Studie Multikulturelle Gesellschaft. Modell Amerika?, erschienen in der taz am 28. Februar 1995

Refomtheorie oder Theoriereform? ist eine Sammelrezension von zwei theoretischen Büchern zur Sozialstaatsrefom, eines davon Michael Schefczyks Umverteilung als Legitimationsproblem, erschienen 2004 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung 2004

Armer Heinrich! ist ein Verriss von Heinz Ohffs Biographie Heinrich von Kleist. Ein preußisches Schicksal (2004)

Im Federhaus der Zeit von Birgit Bauer habe ich2003 in der Literaturbeilage der ZEIT  besprochen

Advocatus Kanti oder Kehlmanns vermessene Welt ist eine Abrechnung mit einem Bestseller, an dem einfach nichts, vor allem aber das Wichtigste nicht stimmt. Bei Kant hört der Spaß auf. Umso mehr wundere ich mich, dass, wie ich inzwischen erfahren habe, Kehlmann Philosophie und vor allem Kant studiert haben soll. Da muss etwas gründlich schief gelaufen sein (Amazon-Rezension 2006)

Profund, aber nicht erschöpfend ist eine Besprechung von Manfred Kühns Kant. A Biography (Amazon-Rezension 2006)

Odium ethicae. Zur Anthropologie des Bösen ist ein Rezensionsessay zu Gunnar Heinsohns faszinierender und völlig unbeachtet gebliebener Studie Warum Auschwitz? Hitlers Plan und die Ratlosigkeit der Nachwelt, wo ich zeige, dass die Hauptthese zuvor schon von Stanislav Lem, beziehungsweise seiner literarischen Figur, dem Autor Horst Aspernicus, vertreten wurde (1996)

Das Verschwinden der Welt ist eine Besprechung zu Haruki Murakamis Schlüsselroman Mister Aufziehvogel (2004)

Velociraptoren der New Economy ist eine Würdigung inklusive Abrechnung mit Don Alphonsos LIQUIDE. Der finale Dotcomtod-Roman (Amazon-Rezension 2006))  

Postdemocracy von Colin Crouch habe ich relativ früh gelesen und es war wichtig für mich, um meine Ideen für Das Ende der Bundesrepublik zu kalibrieren (2007)