Technologien
Obwohl ich kein Techniker bin und nicht einmal einer ihrer besonders geübten Anwender und Nutzer, schlägt manchmal doch mein erster und ursprünglicher Berufswunsch durch, der des Ingenieurs, mit dem ich meinem Vater folgen wollte. Außerdem habe ich mit den Jahren viel über die verschiedensten Technologien gelernt und selbst ein paar mitentwickelt, was sich in einer Reihe von Patenten niedergeschlagen hat. Dadurch wurde ich eine Art gut informierter Dilettant in technischen Fragen. Schließlich bin ich dem Thema auch noch von philosophischer Seite her aufgeschlossen, denn mich fasziniert die Fähigkeit des Menschen zur Technik, die ich als eine Art zweiter Natur betrachte. Hier will ich nun ein bisschen über meine Faszination für neueste Entwicklungen plaudern.
Sea Orbiter
Es gibt Momente, da möchte ich noch einmal jung sein. Etwa wenn solche großen Forschungsprojekte wie der Sea Orbiter vorgestellt werden. Warum bin ich kein Ozeanograf oder Meeresbiologe? Dann könnte ich mich für die Reise durch die Meere auf dieser faszinierenden Forschungsinsel bewerben. Hier ist ein schönes Video auf Youtube davon und hier ein Artikel auf Spiegel-Online dazu. Meinem Sohn habe ich nach Den Haag geschrieben, dass er sich doch an meiner Stelle bewerben und auf seine geplante Laufbahn als Rechtsanwalt verzichten könnte. 

Kernfusion
Ein ganz großes Thema, komplex, unverstanden, unterfinanziert, von einer schwachen Lobby getragen und doch entscheidend für den Fortgang der menschlichen Zivilisation. Ich sah zum ersten Mal einen Kernfusionsreaktor 1982 in Garching bei München, wo die Tokamak-Versuchsanlage - ein ursprüngliches russisches Design des großen Kreismagneten, um das 100 Millionen Grad Celsius heiße Plasma in einem Ring schweben zu lassen - unter dem Namen ASDEX von 1980 bis 1990 lief. Damals war ich mit meinem Physik-Leistungskurs dort zu Besuch und es war besonders faszinierend, weil wir zu dieser Zeit Teile dieses Experiments, vor allem Feldgleichungen für das gigantische Magnetfeld, bereits mathematisch berechnen konnten.
Die Grundgleichung der Kernfusion ist sehr einfach: 3H +2 Hà 4He + n + 17,6 MeV
Das heißt, die Wasserstoffisotope Tritium und Deuterium werden zu Helium verschmolzen, wobei ein Neutron frei wird und eine gigantische Menge Energie. Es ist die energiereichste Reaktion in der Natur, bei der Masse - die atomare Massendifferenz zwischen der Summe der Isotope und dem Reaktionsprodukt Helium - direkt in Energie verwandelt wird. Die einfachsten Kernschmelzprozesse in der Sonne funktionieren ganz ähnlich, nur dass sie das häufigste Wasserstoffisotop Protium 1H statt der viel selteneren Isotope Deuterium und Tritium verwenden.
Heute ist die Kernfusion in der Krise, denn sie wird unter dem Druck der Nuklear-Lobby und der Unwissenheit der Politiker dramatisch vernachlässigt. Gestern, am 20. Mai 2010, berichtete der Spiegel dass das größte internationale Kernfusionsprojekt ITER im Südfranzösischen Caradache vor dem Aus steht. Die Finanzierung kann nicht geschlossen werden, und deren Umfang ist dramatisch gewachsen von 5 auf 15 Milliarden Euro, weil in der seit einem Jahrzehnt andauerden Planungsphase wichtige Rohstoffe extrem teuer geworden sind - so zumindest die offizielle Begründung. Wahrscheinlich hat man das Projekt auch "grün" gerechnet und der Zauber hat nicht funktioniert.

Geplanter ITER-Tokamak
Hier eine exzellente Einführung in das Thema von Harald Lesch im Video auf alphacentauri:
http://www.br-online.de/br-alpha/alpha-centauri/alpha-centauri-kernfusion-2003-ID1208269618342.xml
Was wurde bisher getan, um die revolutionäre Form der Energieproduktion zu entwickeln? Die gesamte OECD hat 1991 bis 2001 rund 9,2 Mrd. US$ für die Forschung in diesem Bereich ausgegeben, das 7.Forschungsrahmenprogramm der EU hat 2007-2013 gerade einmal 2,2 Mrd. Euro eingeplant. Das große Projekt ITER International Thermonuclear Experimental Reactor in Frankreich, an dem seit 2005 die EU, USA, Japan, Russland, Schweiz, China, Südkorea und Indien beteiligt sind, sollte 5 Mrd. Euro kosten und wird jetzt wohl teurer.
Ist das genug? Mit Sicherheit nicht. Zum Vergleich: Das Kernforschungsprojekt CERN mit seinen Teilchenbeschleunigern, vor allem dem LHC Large Hadron Collider, in denen nur reinste Grundlagenforschung betrieben wird, hat für den laufenden Betrieb ein Jahresbudget von 700 Millionen Euro, nachdem es für 6 Mrd. Euro gebaut wurde. Noch deutlicher ist der Unterschied zur ISS International Space Station, die bisher insgesamt 100 Mrd. Euro gekostet hat. So wichtig diese Forschungsbereiche sind, haben doch die Kritiker immer wieder die Kosten-Nutzen-Verhältnisse infrage gestellt. Das Manhattan Projekt von 1942 bis 1945, bei dem die erste Atombombe in Rekordzeit gebaut wurde, um den Krieg zu beenden, beschäftigte 130.00 Menschen und kostete nach damaligen Preisen 2 Mrd. US$., was inflationsbereinigt etwa 18 Mrd. Euro ausmacht. Wir haben also bis heute in die Kernfusion international nicht einmal soviel investiert wie die USA in die Entwicklung der Atombombe in den letzten drei Jahren des 2. Weltkriegs.
Wie viel Geld sollte uns die endgültige Lösung aller Energiefragen und damit der dringendsten klimatischen und geopolitischen (Abhängigkeit von den Lieferanten fossiler Rohstoffe) Probleme und Gefahren wert sein? Zusammen mit ein paar Kennern des Themas schätze ich, dass Deutschland etwa 200 Mrd. Euro investieren sollte, um die Entwicklung dieser Technologie dramatisch zu beschleunigen und dann auch die Rechte an dieser Entwicklung zu haben, damit sie weiterverkauft werden können. Das wäre ein sicher wesentlich wichtigere und profitablere Staatsausgabe als das 80-Mrd.-Euro-Konjunkturpaket von 2008 oder das Euro-Rettungspaket von 173 Milliarden Euro.