Shiboruto. Eind deutscher Arzt im alten Japan

www.shiboruto.de

Exposé

Historischer Japanroman, 1792-1985, erscheint 2010


Synopsis

Im Sommer 1816 begegnet der Würzburger Medizinstudent Philipp Franz von Siebold dem Basken Don
Mastema, der ihm den Rat gibt, als Naturforscher in den Fernen Osten zu gehen. Nur so könne er eine
wissenschaftliche Karriere machen wie der von ihm bewunderte Alexander von Humboldt. Siebold hat
von da an nur noch dieses Ziel vor Augen. Einige Jahre später ist er als holländischer Truppenarzt auf
einem Schiff unterwegs nach Batavia, wo er den Auftrag erhält, umgehend nach Japan weiterzureisen. Im
August 1823 kommt Siebold in Japan an, wo er Shiboruto genannt wird. Er erwirbt sich einen Ruf als
exzellenter Arzt und verliebt sich in das junge Mädchen Otaki. Um ihn heiraten zu dürfen wird sie
Kurtisane und heißt von da an Sonogi. Siebold erhält das Privileg, auf dem Festland Narutaki beziehen zu
dürfen, das ‚Haus unter dem Wasserfall’, das von da an eine kleine Universität wird. Bald hat er über
fünfzig japanische Studenten und Helfer, die er in westlichen Wissenschaften ausbildet und die ihm bei
der Erforschung des Landesinneren Japans zuarbeiten. Sonogi bekommt in dieser Zeit eine Tochter mit
ihm. Im Februar 1826 reist er mit einer Gesandtschaft nach Edo an den Hof des Shōguns. Dort besticht er
seinen neuen Freund, den Hofastronomen Takahashi, der ihm geheime Landkarten von Japan mit allen
Küstenverläufen und Festungen gibt. Zurück in Nagasaki will er die wertvollen Karten außer Landes
schmuggeln, doch ein gespenstischer Sturm treibt das Schiff mit der geheimen Ladung an Land. Siebold,
Takahashi und alle Mitwisser werden verraten. Bevor es zu Verhaftungen, Selbstmorden und
Hinrichtungen kommt, kann Siebold im letzten Moment noch Kopien der wertvollen Karten erstellen und
außer Landes schaffen. Ihm wird ein Prozess gemacht, der ganz Japan erschüttert. Siebold muss in die
Verbannung gehen und Sonogi zurücklassen. In Europa widmet er sich der wissenschaftlichen
Auswertung seiner Sammlungen und engagiert sich als Diplomat international für eine friedliche Öffnung
Japans. Daran haben die Kolonialmächte kein Interesse. Admiral Perry nutzt Siebolds wissenschaftliche
Aufzeichnungen und vor allem seine Karten, lehnt jedoch dessen Beteiligung an der entscheidenden
amerikanischen Expedition von 1853 ab. Siebold gilt als Spion und Verräter. Japan wird mit
Waffengewalt geöffnet. Nach der Aufhebung des Verbannungsurteils macht Siebold 1859 eine zweite
Reise nach Japan. Er wird als Berater an den Hof des Shōguns berufen. Doch seine Bemühungen werden
sabotiert und er wird zurückberufen nach Europa. Siebold stirbt 1866 verbittert und enttäuscht in
München. Erst auf dem Totenbett erfährt er, dass sein ganzes Leben auf den tragischen Diebstahl der
Landkarten ausgerichtet war. Der Teufel hatte vor Siebolds Geburt einen Pakt mit den Göttern Japans
geschlossen. Siebold war für ihn nur eine Figur und sein Ehrgeiz ein Baustein. Die Offenbarung des
Teufels findet viele Jahre später statt. Im August 1945 soll das Werk, an dem Siebold mitgewirkt hat,
seine Vollendung erfahren – in Hiroshima und Nagasaki. Doch der teuflische Plan scheitert.

Der Roman erzählt, wie das Böse in die Welt kommt. Siebolds Forscherleben, die Entdeckung Japans, der
Beginn der modernen Wissenschaften, das Ende der Aufklärung und die politischen Zusammenhänge des
Kolonialismus sind Motive eines Gemäldes, dessen tiefere Schichten Leidenschaft, Verschwörung und
Verbrechen sind.

Historischer Hintergründe

Die Handlung des Romans Shiboruto spielt im alten Japan gegen Ende der Edo-Zeit (1603-1868). Japan war zweihundert Jahre lang fast vollkommen abgeschlossen von der restlichen Welt. Nur die Holländer durften auf Dejima, einer kleinen, künstlichen Insel im Hafen von Nagasaki, Handel treiben mit den Japanern. Der Held, der deutsche Arzt Philipp Franz von Siebold, der sich in Japan für einen Holländer ausgeben musste, ist eine historische Persönlichkeit. Er hat trotz größter Hindernisse die westlichen Wissenschaften nach Japan gebracht und gilt als Vater der japanischen Moderne. Jedes Kind in Japan kennt Shiboruto, wie er in der Landessprache genannt wird. Insofern hat er sein Ziel erreicht, nämlich der Humboldt des Fernen Ostens zu werden. In Deutschland ist er dagegen völlig unbekannt, obwohl es umfangreiche Werke, Nachlässe, Briefe von ihm sowie eine große Menge wissenschaftlicher Literatur über ihn gibt. Ich hatte die Idee zu diesem Roman bereits 1985 und habe seitdem über Siebold geforscht. Während der vergangenen fünf Jahre war ich beruflich ständig in Japan und habe meine Recherchen dort am Ort der Handlung abgeschlossen, in Nagasaki.

Der Roman beruht zu etwa neun Zehnteln auf historischen Tatsachen. Die gesamte Handlung ist um Siebolds spektakulären Diebstahl von geheimen japanischen Landkarten arrangiert, der zum größten Prozess des 19. Jahrhunderts in Japan und schließlich zu Siebolds Verbannung führte. Diese Karten, deren Kopien er „zum Wohle der Wissenschaft“ dennoch aus dem Land schmuggeln konnte, spielen eine entscheidende Rolle, als U.S.-Admiral Perry 1853 mit Drohungen und Kanonen die gewaltsame Öffnung Japans betreibt. Ohne Siebolds Karten hätte er sich der japanischen Küste nicht nähern können; er hätte nicht einmal die Hauptstadt Edo mit dem Regierungssitz gefunden. Siebold, der sich zeitlebens mehr als jeder andere für eine friedliche Öffnung Japans einsetzte, hat selbst die Mittel für eine Invasion der Kolonialmächte zur Verfügung gestellt – eine Tatsache, die vielen Historikern und selbst den Japanern völlig unbekannt ist. Diese gewaltsame Öffnung, da sind sich die meisten Historiker wiederum einig, ist DAS große Trauma der japanischen Geschichte, mit katastrophalen Folgen. Es lässt sich ohne Übertreibung eine kausale Kette zwischen diesem Überfall, der Entwicklung des japanischen Militarismus, dem Zweiten Weltkrieg und seinem Ende in Hiroshima und Nagasaki darstellen.

Charakter des Romanhelden

Deshalb ist Siebold eine tragische Figur, ein Bruder von Faust, oder ein verkehrter Mephisto, einer, der „stets das Gute will und so das Böse schafft.“ Das ist der rote Faden der Charakterentwicklung, der sich durch den ganzen Roman zieht. Obwohl er äußerst sympathisch erscheint, geht er mit seinem wissenschaftlichen Ehrgeiz, der immer mehr auf seine Person übergreift, große Risiken ein. Das zeigt sich schon früh und dafür habe ich ihm als literarische Figur Aaron Mendelsohn zur Seite gestellt, einen feinsinnigen und stets ironischen Intellektuellen, der Siebolds sprechendes Gewissen wird. Er benennt die moralischen Konflikte, in die der stets erfolgreiche Arzt und Forscher sich immer tiefer verstrickt. Andererseits erlebt Siebold mit seiner japanischen Frau Otaki eine unglaubliche Liebesgeschichte. Sie bekommen eine Tochter, die später die erste Ärztin in Japan wird. Er muss sie und seine Frau zurücklassen, als er 1830 verbannt und zurück nach Europa gebracht wird. Otaki bleibt die große Liebe seines Lebens. Er wird sie und seine Tochter fast dreißig Jahre später wieder sehen, bei seiner zweiten und letzten Reise nach Japan.

Metaphysische Rahmenhandlung und moralischer Kern

Auf seinem Totenbett wird Siebold erfahren, dass sein Leben, seine Karriere und vor allem dieser Diebstahl nur einer von vielen Bausteinen in einem viel größeren, Jahrhunderte überspannenden Plan des Teufels war. Es geht um seine Offenbarung, mit der er sich für die ewige Demütigung durch Gott endlich rächen will.

Doppelter Bildungsroman

Der Reiz an diesem historischen Stoff liegt auch darin, dass diese Epoche der japanischen Geschichte weitgehend unbekannt ist, wir aber zugleich von Siebold selbst über große Mengen an phantastischem Bildmaterial verfügen. Alleine die exquisiten Handzeichnungen der vielen Blumen- und Pflanzenarten, die Siebold nach Europa eingeführt hat, könnten Bände füllen. Außerdem befinden wir uns in einer wissenschaftlich faszinierenden Zeit, die wir durch Siebold und sein breit gefächertes Wissen in allen wichtigen Gebieten der Natur- und Kulturwissenschaften neu erleben können. Deshalb ist der Roman die Entführung in das Herz eines verwunschenen Landes, wie man es noch nie gesehen hat. Japan am Ende seiner Feudalzeit ist etwas ganz anderes als das, was James Clavell uns noch im Shogun gezeigt hat. Deshalb ist das Buch auch in der Hinsicht ein Bildungsroman, als man, wie bei Ecos Der Name der Rose, wirklich etwas lernen kann: über das verborgene Japan, den Kolonialismus, die Seefahrt; über die Entstehung der modernen Medizin und der Naturwissenschaften; über die japanischen Religionen und das Christentum; und schließlich auch über Deutschland in dieser Zeit. Das alles wird leicht verständlich und zugänglich gemacht durch einen ausführlichen Glossar aller japanischen und wissenschaftlichen Begriffe, eine biographische Vorstellung der historischen Persönlichkeiten in dem Roman, einer Chronologie und schließlich den wichtigsten Land- und Seekarten.

Vorläufer und Verfilmung

Siebold ist in Japan allgemein bekannt und hoch angesehen, in Deutschland ist er, wie bereits erwähnt, noch völlig unbekannt. Es gab zwei literarische Bücher über Siebold, “Ein Deutscher gewinnt Japans Herz” (1943, eher dokumentarisch) von seinem Nachfahren Werner Siebold, und “Der Mann in der Mondsichel” von Juliana von Stockhausen (1970). In Japan gab es zwar mehrere Fernsehfilme und -serien, die sich vor allem um die Liebesgeschichte zwischen Siebold und seiner japanischen Frau drehten, jedoch bisher keinen Roman. 
Ich habe die letzten Jahre in Japan gelebt und mit vielen Leuten, auch mit Verlegern und Filmproduzenten in Tokio und Kyoto über das Buch gesprochen. Im Siebold Memorial Museum von Nagasaki habe ich erfahren, dass Steven Spielberg den Stoff interessant findet. Es war sogar schon von einem Hauptdarsteller für die Rolle von Siebold die Rede: Leonardo Di Caprio. Großartiger Vorschlag! Spielberg hat jedoch das Drehbuch, das daraus eine romantische Liebesgeschichte, eine reine Madame-Butterfly-Story machen wollte, abgelehnt.